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72 Stunden kein Bus: Verdi lähmt das Erzgebirge

Verdi ruft beim Regionalverkehr Erzgebirge zum 72-Stunden-Streik auf RVE-Chef Richter hat null Verständnis, der nächste Verhandlungstermin liegt im Mai.

Von Matthias Klose3 Aufrufe
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72 Stunden kein Bus: Verdi lähmt das Erzgebirge

Von Matthias · 11. April 2026 · Kategorie: Wirtschaft


72 Stunden kein Bus – Verdi legt das Erzgebirge lahm. (Symbolbild)

Der Warnstreik im sächsischen Nahverkehr weitet sich aus. Nachdem in der vergangenen Woche bereits Dresden, Meißen und weite Teile Ostsachsens betroffen waren, trifft es nun das Erzgebirge mit voller Wucht. Verdi hat den Regionalverkehr Erzgebirge (RVE) zum Warnstreik aufgerufen – und diesmal nicht für 24 Stunden, sondern für 72. Von Mittwochfrüh, 3 Uhr, bis Samstagfrüh, 3 Uhr, sollen die Busse stillstehen. Drei Tage, in denen tausende Menschen im Erzgebirge auf sich allein gestellt sind.

RVE-Geschäftsführer Roland Richter findet dafür eine klare Sprache: "Mein Verständnis dafür ist null." Er ergänzt: "Es ist äußerst befremdlich." Das ist keine Höflichkeitsformel. Richter hatte bereits in früheren Verhandlungsrunden betont, die Arbeitgeber seien an die Grenze des Machbaren gegangen. Wer ihm glaubt, dem stellt sich eine unbequeme Frage: Wenn das Angebot tatsächlich das Maximum darstellt, was ist dann das Ziel dieser Eskalation?

Fünf Runden, kein Ergebnis, nächster Termin im Mai

Die Ausgangslage ist bekannt. Fünf Verhandlungsrunden zwischen Verdi und dem Arbeitgeberverband Nahverkehr Sachsen – und keine Einigung. Die Gewerkschaft fordert höhere Löhne, eine deutlich gestiegene Jahressonderzahlung sowie mehr Urlaub für Beschäftigte im Schichtdienst. Das sind legitime Forderungen in einem Beruf, der körperlich belastend, gesellschaftlich systemrelevant und finanziell oft wenig attraktiv ist.

Was jedoch aufhorchen lässt: Die Arbeitgeber haben für weitere Verhandlungen erst den 12. Mai als nächsten Termin angeboten. Verdi verlangt bis dahin ein neues Angebot in schriftlicher Form. Das ist eine Frist von über einem Monat – und sie klingt weniger nach ernsthafter Konfliktlösung als nach institutionalisiertem Aussitzen auf beiden Seiten. Wer in dieser Gemengelage die Initiative ergreift und auf den anderen zugeht, ist derzeit nicht erkennbar.

Der Streik als politisches Instrument

Man muss kein Gegner von Gewerkschaften sein, um festzustellen, dass der Warnstreik im öffentlichen Nahverkehr ein besonders scharfes Mittel ist. Anders als in der Privatwirtschaft trifft er nicht primär den Arbeitgeber – der ist im Nahverkehr ohnehin oft ein kommunales oder halbstaatliches Konstrukt, finanziert aus Steuermitteln und Ticketeinnahmen. Er trifft die Fahrgäste. Und das sind im Erzgebirge überwiegend Menschen, die keine Wahl haben: Pendler ohne Auto, Schüler, Rentner, Menschen in der Pflege.

Das ist kein Argument gegen das Streikrecht. Das Streikrecht ist ein zivilisatorisches Errungnis und gehört zu einer freien Gesellschaft. Aber es ist ein Argument dafür, dass beide Seiten – Gewerkschaft wie Arbeitgeber – eine besondere Verantwortung tragen, wenn sie dieses Mittel im Bereich der Daseinsvorsorge einsetzen oder seiner Anwendung durch Untätigkeit den Weg bereiten. Wer einen Monat auf den nächsten Verhandlungstermin verweist, während die Busse stehen, hat diese Verantwortung nicht verstanden.

Was im Erzgebirge noch fährt

Für betroffene Fahrgäste gilt: Das Unternehmen will spätestens am Montag auf seiner Internetseite eine Übersicht veröffentlichen, welche Verbindungen trotz Streik bedient werden. Subunternehmer, die im Auftrag des RVE einzelne Linien abdecken, beteiligen sich nicht am Ausstand und fahren planmäßig. Das lindert die Situation – löst sie aber nicht.

Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass ein Tarifkonflikt, der auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen wird, längst eine politische Dimension hat. Die Frage, warum der öffentliche Nahverkehr im ländlichen Sachsen strukturell so aufgestellt ist, dass selbst moderate Lohnerhöhungen die Grenze des Machbaren erreichen, stellt niemand laut genug. Stattdessen streiken die einen, mauern die anderen – und im Erzgebirge wartet der Bus nicht.

Den Auftakt des Tarifkonflikts und die Lage in Dresden, Meißen und Ostsachsen hat der Elbland-Kurier bereits berichtet. Weitere Hintergründe zur Infrastruktur in der Region gibt es in der Rubrik Wirtschaft. Politische Einordnungen finden sich in der Rubrik Lokal.


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