Feralpi baut Stahlwerk Riesa aus – 1,3 Millionen Tonnen als Ziel
Kapazitätsausbau trotz Branchenkrise
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Riesa investiert, während der Rest der Branche zittert
Das Stahlwerk in Riesa wächst. Ein Jahr nach dem Start des neuen Spooler-Walzwerks zieht Feralpi eine positive Zwischenbilanz und kündigt an, die Produktionskapazität am Standort von derzeit rund einer Million Tonnen auf perspektivisch 1,3 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr zu steigern. Das ist keine bescheidene Zielanpassung, sondern ein klares industriepolitisches Signal. In einer Zeit, in der die deutsche Stahlindustrie insgesamt mit einer historisch niedrigen Auslastung kämpft, geht ein italienisches Familienunternehmen in Sachsen den umgekehrten Weg.
Das Spooler-Walzwerk, das im Mai 2025 in Betrieb genommen wurde, läuft nach Unternehmensangaben inzwischen im Zweischichtbetrieb. Ab 2027 ist der Dreischichtbetrieb geplant, wenn die Nachfrageentwicklung es trägt. Im neuen Werk sollen dann zwischen 400.000 und 450.000 Tonnen aufgewickelter Betonstahl für automatisierte Weiterverarbeitung pro Jahr entstehen, ergänzend zu den rund 850.000 Tonnen, die das bestehende Walzwerk heute produziert. Das Gesamtinvestitionsvolumen der Feralpi Group am Standort Riesa beträgt über 220 Millionen Euro, finanziert aus Eigenmitteln.
Das Riesaer Werk als Sonderfall
Was Riesa von den meisten Stahlstandorten in Deutschland unterscheidet, ist nicht nur das neue Walzwerk. Das Unternehmen setzt auf einen Produktionsprozess ohne direkte CO2-Emissionen, möglich durch ein induktives Erwärmungssystem, das ohne fossile Brennstoffe auskommt. Feralpi ist zudem eines von nur zwei Stahlwerken in Deutschland, die das EMAS-Umweltmanagementsiegel tragen. Und die Belegschaft soll perspektivisch von aktuell rund 900 auf etwa 950 Beschäftigte wachsen.
Das alles passiert vor einem Hintergrund, der eigentlich andere Entscheidungen nahelegen würde. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl schrieb noch im August 2025, die deutsche Stahlindustrie befinde sich in einer existenziellen Krise: globale Überkapazitäten, chinesische Billigimporte, zu hohe Strompreise. Die Rohstahlproduktion in Deutschland lag 2025 mit 34,1 Millionen Tonnen auf einem historischen Tiefstand. Im ersten Quartal 2026 gibt es zwar ein Plus von neun Prozent, doch auf Jahresbasis bliebe die Produktion weiter unter der als Minimum geltenden Schwelle von 40 Millionen Tonnen. Die OECD warnt unterdessen vor globalen Überkapazitäten, die bis 2027 auf über 700 Millionen Tonnen ansteigen könnten.
In diesem Umfeld baut Feralpi in Riesa aus.
Wette auf Qualität statt Volumen
Die Strategie dahinter ist lesbar. Das neue Spooler-Walzwerk produziert keinen Standardstahl für den Massenmarkt, der am härtesten unter chinesischem Preisdruck steht. Es produziert Spezialstahl für automatisierte Anwendungen in der Maschinenindustrie. Betonstahl, der in Coils aufgewickelt wird, lässt sich in modernen Produktionsanlagen ohne manuelle Handhabung weiterverarbeiten. Das ist ein Nischenprodukt mit Nachfrageentwicklung, das von der Automatisierungswelle in der Industrie abhängt. Der Jahresumsatz von Feralpi Stahl liegt bei rund 600 Millionen Euro, und der Standort Riesa hat in der Feralpi Group offenkundig eine strategische Rolle.
Das Unternehmen kommuniziert selbst, dass der Kapazitätsausbau an Bedingungen geknüpft ist. Weitere Investitionen in die Schrottaufbereitung und eine stabile Nachfrage werden als Voraussetzungen genannt. Das ist ehrlicher als die übliche Hochglanzkommunikation bei Investitionsankündigungen. Es bleibt ein unternehmerisches Risiko, kalkuliert, aber real.
Was die Region von diesem Wachstum hat
Für Riesa und den Landkreis Meißen ist das keine abstrakte Wirtschaftsmeldung. Feralpi ist einer der größten Industriearbeitgeber der Region. Der Umsatz fließt, die Steuereinnahmen bleiben, die Arbeitsplätze erhalten Familien in einer Region, die industriepolitisch nicht immer im Vorteil war und die den Strukturwandel der Nachwendezeit noch in den Knochen trägt.
Dass ausgerechnet ein Unternehmen aus Brescia seit 1992 diesen Standort entwickelt, ohne Fördermittellogik und ohne Staatsgarantien, sondern mit Eigenkapital und einem technologischen Wettbewerbsansatz, sagt etwas darüber aus, was Industriestandorte tatsächlich brauchen. Kein Subventionsprogramm, das Fehler abfedert. Sondern Investoren, die auf lange Sicht rechnen.
