Strom in Sachsen 2026 - Entlastung durch Netzentgelte, neuer Schock durch Iran-Krieg
Energiepreise Sachsen
Von Matthias Klose3 Aufrufe
Strom in Sachsen 2026 - zwischen Entlastung und neuem Schock
Zum Jahresbeginn 2026 sah die Rechnung für sächsische Haushalte erstmals seit Jahren etwas besser aus. EnviaM senkte die Preise in der Grundversorgung um knapp sechs Cent auf 31,94 Cent pro Kilowattstunde. Sachsenenergie folgte mit bis zu 4,24 Cent Senkung, der neue Arbeitspreis in Dresden und Ostsachsen liegt seither bei 35,71 Cent. Die Stadtwerke Leipzig reduzierten ihre Grundtarife um rund sechs Prozent. Sachsen verzeichnete bundesweit den stärksten Rückgang in der Grundversorgung, mit einem Minus von 8,5 Prozent und einer rechnerischen Entlastung von 143 Euro im Jahr. Das war ein konkreter Fortschritt für Hunderttausende Haushalte im Freistaat.
Dann kam der März.
Ende Februar begann ein Krieg im Nahen Osten, der die Energiemärkte in wenigen Tagen in eine Lage versetzte, die an den Herbst 2022 erinnert. Seit dem Ausbruch der Kampfhandlungen verteuerten sich Neukundentarife für Strom in Deutschland innerhalb von vier Wochen um rund 17 Prozent. Der bundesweite Durchschnittspreis der günstigsten verfügbaren Tarife erhöhte sich von 23,6 auf 27,6 Cent pro Kilowattstunde. In Sachsen fiel der Preissprung noch deutlicher aus: Die günstigsten Tarife verteuerten sich innerhalb von zwei Monaten um mehr als 4,6 Cent pro Kilowattstunde, was einem Anstieg von rund 20 Prozent entspricht.
Warum der Iran den deutschen Strompreis bestimmt
Wer den Zusammenhang zwischen einem Krieg am Persischen Golf und der sächsischen Stromrechnung nicht versteht, unterschätzt die Funktionsweise des europäischen Energiemarkts. Die Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Transportrouten der Welt, rund ein Fünftel der globalen LNG-Lieferungen passiert die Meerenge. Katar hat seine Gasexporte vorübergehend gestoppt und die LNG-Produktion heruntergefahren. Das fehlende Angebot treibt die Großhandelspreise. Die Gaspreise im Day-Ahead-Handel stiegen innerhalb von zwei Tagen nach Kriegsbeginn um etwa 65 Prozent. Zwei Wochen später lagen sie rund 90 Prozent über dem Ausgangsniveau.
Der Mechanismus dahinter ist das Merit-Order-Prinzip, das seit der Energiekrise 2022 vielen Verbrauchern aus schmerzhafter Erfahrung bekannt ist. Gaskraftwerke bestimmen als teuerstes benötigtes Kraftwerk den Börsenstrompreis für alle Erzeuger, ob sie mit Wind, Sonne oder Gas produzieren. Strom, der im April 2026 geliefert wird, wurde seit Kriegsbeginn zeitweise um über 20 Prozent teurer. Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox, formulierte es nüchtern: Solange die Preise auf diesem Niveau bleiben, werden auch Bestandskunden Preiserhöhungen erhalten.
Milliarden vom Staat, verpufft in Wochen
Der Bund hatte ab Januar 2026 Steuermittel in Höhe von 6,5 Milliarden Euro in die Übertragungsnetze gepumpt, um die Netzentgelte zu dämpfen und damit den Strompreis zu senken. Für private Haushalte versprach das Wirtschaftsministerium eine Entlastung von 60 bis 70 Euro im Jahr. Das war real, und es war politisch gewollt. Dank dieses Bundeszuschusses hatten die Strompreise in Deutschland zuletzt wieder das Niveau vor der Energiekrise 2022 erreicht.
Doch die Entlastung durch die staatliche Subvention ist durch den Iran-Schock bereits wieder aufgezehrt. Das aktuelle Preisniveau für Neukundentarife entspricht dem von Oktober 2025, kurz bevor die Preise durch den milliardenschweren Bundeszuschuss zu sinken begannen. Die Subvention hat die Preise nicht gesenkt, sie hat deren erneuten Anstieg für einige Monate verlangsamt. Das ist kein Versagen der Bundesregierung, aber es illustriert die Grenze dessen, was staatliche Eingriffe in die Preisbildung bewirken können, solange die Strukturen dieselben bleiben.
Hinzu kommt, dass die Weitergabe des staatlichen Zuschusses an Kunden freiwillig war. Nicht jeder Versorger hat die volle Entlastung weitergereicht. Für Bestandskunden in teuren Grundversorgungstarifen bedeutet das eine doppelte Benachteiligung: Sie profitieren nicht vollständig von der Subvention und werden als erste Preiserhöhungen zu spüren bekommen, sobald die Anbieter ihre Verträge anpassen.
Was Haushalte in Sachsen jetzt tun können
Heute liegt der aktuelle Strompreis für Neukundentarife im deutschen Durchschnitt bei 24,2 Cent pro Kilowattstunde, Bestandskunden zahlen im Schnitt 32,8 Cent, und Kunden in der Grundversorgung zahlen 42,83 Cent pro kWh. Die Spreizung zwischen Grundversorgung und günstigstem Tarif beträgt damit fast 20 Cent pro Kilowattstunde. Bei einem sächsischen Durchschnittshaushalt mit 3.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch macht das einen Unterschied von rund 600 Euro jährlich. Es gibt keinen rationalen Grund, in der Grundversorgung zu bleiben.
Die Frage, die sich stellt, ist eine andere: Wer jetzt einen neuen Vertrag abschließt, kauft zum höheren Post-Iran-Niveau ein. Wer die Preisentwicklung abwartet, riskiert weitere Anstiege. Besonders bei kurzfristigen Lieferverträgen mit Beginn im Jahr 2026 war zuletzt ein deutlicher Preisanstieg zu beobachten, während Börsenpreise für langfristige Kontrakte ab 2027 noch moderater reagieren. Verträge mit zwölfmonatiger Preisgarantie bieten derzeit den einzigen verlässlichen Schutz vor weiteren Schwankungen.
Wer in Sachsen noch beim regionalen Grundversorger hängt und keine laufende Preisbindung hat, steht vor einer einfachen Rechnung: Der Wechsel zahlt sich aus, die Frage ist nur, wann. Ab April beginnt die Phase der Wiederbefüllung der Gasspeicher, und steigende Preise für die Sommermonate könnten die wirtschaftlichen Anreize zur Einspeicherung belasten. Die Bundesnetzagentur und das Bundeskartellamt empfehlen Stromkunden ausdrücklich, ihren Vertragsstatus zu prüfen und aktuelle Angebote zu vergleichen.
