Sachsen spart sich kaputt – und keiner will es gewesen sein
Haushaltskrise Sachsen | Kommentar
Von Matthias Klose0 Aufrufe
Es gibt eine einfache Wahrheit über staatliches Sparen, die in Dresden offenbar niemand aussprechen möchte: Wer Haushaltslöcher schließt, indem er genau dort kürzt, wo es keine Lobby gibt, der betreibt keine Konsolidierung. Der betreibt Substanzvernichtung auf Raten. Und wer glaubt, das lasse sich dauerhaft ohne gesellschaftliche Folgen durchhalten, unterschätzt, was ein Gemeinwesen zusammenhält.
Der sächsische Doppelhaushalt 2025/26 ist ein Lehrstück dafür. Eine Haushaltslücke von rund vier Milliarden Euro wurde nicht durch strukturelle Reformen geschlossen, nicht durch Effizienzgewinne, nicht durch eine ehrliche Priorisierung staatlicher Kernaufgaben. Sie wurde gestopft, indem man die verbliebenen Rücklagen vollständig auflöste und anschließend überall dort das Messer ansetzte, wo Ausgaben rechtlich als „freiwillig" gelten. Das Ergebnis ist kein schlanker Staat. Es ist ein handlungsunfähiger.
Ein Staat, der zu viel versprochen hat
Die eigentliche Ursache dieser Misere liegt tiefer. Jahrelang hat die Politik Förderprogramme ausgebaut, Träger in strukturelle Abhängigkeit von Landesmitteln geführt und dabei so getan, als sei das ein nachhaltiges Modell. Es war keines. Wer Beratungsstellen, Kultureinrichtungen und Integrationsprojekte dauerhaft über wechselnde Jahreshaushalte finanziert, baut auf Sand. Das Subsidiaritätsprinzip, wonach staatliche Aufgaben so weit wie möglich auf der untersten gesellschaftlichen Ebene erledigt werden sollen, durch Familie, Vereine, Kirchen, bürgerschaftliches Engagement, wurde nicht gestärkt. Es wurde durch Förderabhängigkeit systematisch ausgehöhlt.
Jetzt, da die Mittel fehlen, bricht das zusammen, was nie auf eigenem Fundament stand. Das ist bitter für alle Betroffenen. Es ist aber auch das vorhersehbare Ergebnis einer Förderpolitik, die Eigenverantwortung durch Staatsabhängigkeit ersetzt hat.
Was „freiwillig" bedeutet, wenn es gestrichen wird
Schuldnerberatung. Suchthilfe. Sprachkurse. Integrationsprojekte. Der Begriff „freiwillige Leistung" klingt nach Komfort, nach Extras. In der Praxis sind das Angebote, die verhindern, dass Menschen dauerhaft aus dem gesellschaftlichen Leben herausfallen und anschließend deutlich teurer vom Staat aufgefangen werden müssen. Wer heute an der Prävention spart, zahlt morgen das Doppelte für die Folgekosten. Das ist keine sozialpolitische Überzeugung, das ist kaufmännische Grundrechnung.
Wohlfahrtsverbände haben in einem offenen Brief gewarnt, dass zwischen 5.000 und 10.000 Arbeitsplätze in diesen Bereichen wegbrechen könnten. Strukturen, die über Jahre aufgebaut wurden und die der Staat aus eigener Kraft nicht ersetzen kann, weil ihm dafür weder das Personal noch die lokale Verankerung fehlt.
Die Zahlen belegen das Ausmaß. Im Bereich Gleichstellung und Antidiskriminierung sinken die Mittel von 5,9 auf 3,5 Millionen Euro. Die Förderrichtlinie „Integrative Maßnahmen" wird von 14,9 auf 2,9 Millionen Euro zusammengestrichen, ein Rückgang von über 80 Prozent. Gesundheitsförderung und Prävention: von 2,9 auf 1,2 Millionen Euro. Obendrein hat die Sächsische Aufbaubank weniger Mittel ausgezahlt als im Haushalt veranschlagt. Von 91 Anträgen für 2026 wurden nur 21 bewilligt. Träger, die ihre Jahresplanung auf diese Zusagen ausgerichtet hatten, stehen nun vor dem Nichts.
Kultur braucht keine Subvention, sie braucht Verlässlichkeit
Auch Kultureinrichtungen tragen ihren Teil. Dresden allein soll 4,76 Millionen Euro einsparen, davon 400.000 Euro bei Bibliotheken. In kleineren Städten wie Görlitz oder Zwickau drohen Einrichtungen die vollständige Schließung. Was in der Landeshauptstadt noch als Umstrukturierung verwaltet werden kann, bedeutet in der Fläche schlicht das Ende gewachsener kultureller Substanz.
Wenn Bund, Land und Kommune gleichzeitig sparen
Das strukturelle Problem ist die Gleichzeitigkeit. Landes- und Kommunalebene kürzen parallel in denselben Bereichen. Jede zweite sächsische Kommune schreibt rote Zahlen. Dresden will ein Defizit von 144 Millionen Euro ausgleichen, Leipzig rund 100 Millionen, Chemnitz 113 Millionen. Bundesweit stieg das kommunale Defizit von 6,3 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf 25 Milliarden im Jahr 2024. Für 2025 werden rund 30 Milliarden erwartet.
Was das Land nicht mehr finanziert, kann die Kommune nicht auffangen. Was die Kommune streicht, fehlt dort, wo die Landesförderung bereits weggefallen ist. Das ist kein Unglück, das ist das Ergebnis von Jahrzehnten, in denen alle staatlichen Ebenen Ausgaben ausgeweitet haben, ohne die Finanzierungsbasis dauerhaft zu sichern. Kommunalpolitiker sagen öffentlich, dass die Mittel nicht reichen, um Straßen zu erhalten. Das stimmt. Es beschreibt aber auch das Ende einer Politik, die Zuständigkeiten verteilt und Verantwortung verschleiert hat.
Mitverantwortung ohne Konsequenz
Die CDU-SPD-Minderheitsregierung unter Michael Kretschmer hat diesen Haushalt verantwortet. Er wurde im Sommer 2025 mit den Stimmen von Grünen und Linkspartei verabschiedet. Beide Parteien haben zugestimmt und ihre Zustimmung anschließend als Schadensbegrenzung verkauft. Das ist eine bequeme Konstruktion. Sie erlaubt es, Mitverantwortung zu tragen, ohne Konsequenzen zu ziehen.
Konservative Haushaltspolitik bedeutet nicht, überall zu kürzen, was sich rechtlich kürzen lässt. Sie bedeutet, das Wesentliche zu schützen, Strukturen zu erhalten, die der Staat nicht selbst ersetzen kann, und gesellschaftliche Eigenverantwortung zu stärken statt zu verwalten. Was in Sachsen passiert, verfehlt diesen Anspruch. Es ist kein Rückzug des Staates auf seine Kernaufgaben. Es ist der ungeordnete Rückzug aus allem, was politisch keine Gegenwehr organisiert. Das ist keine konservative Politik. Das ist Verwaltung des Verfalls.
Eine Randbemerkung zur Quellenlage
Die Datenbasis für diesen Kommentar stammt teilweise von einem Portal, das sich selbst als systemkritische Gegenöffentlichkeit versteht, kapitalismuskritisch, antiimperialistisch, konsequent links. Die Zahlen sind nachprüfbar und wurden hier verwendet, weil sie es verdienen, bekannt zu sein.
Was weniger zur Selbstdarstellung passt, ist das Geschäftsmodell dahinter. Wer Seite für Seite gegen Profit, Ausbeutung und die Mechanismen der Marktwirtschaft schreibt und dabei zwischen den Zeilen sorgfältig platzierte Display-Werbung schaltet, um Klicks zu monetarisieren, hat ein Erklärungsproblem. Der Algorithmus, der diese Anzeigen ausspielt, fragt nicht nach politischer Überzeugung. Er fragt nach Reichweite und Verweildauer. Beides wird mit genau den empörenden Überschriften erzeugt, die das Portal täglich produziert.
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