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Elbland-Kurier
Politik

Kommunale Haushaltskrise in Sachsen – wenn der Bürgermeister aus eigener Tasche zahlt

Gemeinden im Landkreis Meißen unter Druck

Von Matthias Klose4 Aufrufe
Leeres Gemeindeamt in Sachsen – Symbol der kommunalen Haushaltskrise
Leeres Gemeindeamt in Sachsen – Symbol der kommunalen Haushaltskrise – Foto: Carsten Hütter

Wenn die Gemeindekasse leer ist

Ein Bürgermeister, der einen Privatkredit aufnimmt, um seine Mitarbeiter bezahlen zu können. Das klingt nach einer Schreckensmeldung aus einem strukturschwachen Bundesland, das seit Jahrzehnten von Fehlinvestitionen gezeichnet ist. Es passierte kürzlich in einer Gemeinde im Landkreis Meißen. In welcher genau, wird nicht öffentlich gemacht. Dass es passiert ist, hat der AfD-Landtagsabgeordnete Carsten Hütter nach einer Besuchstour durch mehrere Kommunen seines Wahlkreises berichtet. Hütter ist dem Elbland-Kurier aus früherer Berichterstattung bekannt; seine Aussagen wurden für diesen Artikel nicht gesondert verifiziert.

Doch die Tendenz, die Hütter beschreibt, ist durch unabhängige Daten gedeckt. Die kommunale Haushaltskrise in Sachsen ist real, sie ist messbar, und sie ist dramatisch.

Der Sächsische Städte- und Gemeindetag (SSG) hat die Lage mit seinen Quartalsdaten zum dritten Quartal 2025 in Zahlen gegossen: Der Finanzierungssaldo der sächsischen Kommunen belief sich auf minus 1,113 Milliarden Euro, ein neuer Rekordwert. Bereits 2024 hatte das Defizit mit 682 Millionen Euro einen historischen Höchststand erreicht. Die kommunalen Kassenkredite haben sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt und stiegen um 426 Millionen Euro auf knapp 795 Millionen Euro an, ein Anstieg von 115 Prozent allein seit Jahresbeginn. Ssg-sachsen

Das sind keine abstrakten Haushaltsgrößen. Hinter jeder Zahl steckt eine geschlossene Kita, ein nicht saniertes Gemeindehaus, ein Bürgermeister, der morgens nicht mehr weiß, ob er abends die Rechnungen bezahlen kann.

Sanierungsstau als Dauerzustand

In Stauchitz, einer kleinen Gemeinde südöstlich von Riesa, werden nach Hütters Angaben allein für die Sanierung eines Kindergartens rund 1,5 Millionen Euro benötigt. Ein weiterer Standort musste bereits geschlossen werden. Das ist kein Einzelfall. In den Gemeinden Hirschstein, Diera-Zehren, Strehla und Zeithain sowie in Riesa sieht das Bild nicht grundlegend anders aus. Überall der gleiche Befund: Investitionsstau, fehlende Mittel, Verkauf kommunalen Eigentums.

Dass Kommunen gezwungen sind, Immobilien zu veräußern, um laufende Betriebskosten zu finanzieren, ist das kommunalfinanzielle Äquivalent eines Unternehmens, das seine Maschinen verscherbelt, um die Stromrechnung zu bezahlen. Es funktioniert eine Weile. Dann nicht mehr.

Der Bertelsmann-Finanzreport 2025 liefert den historischen Kontext: Sachsens Kommunen rangierten von 2014 bis 2020 unter allen östlichen Bundesländern auf dem dritten Platz. 2022 folgte der Absturz auf einen sogenannten Abstiegsplatz. Mit Ausnahme Baden-Württembergs war der Anstieg der Kassenkredite seit 2014 in keinem Bundesland höher als in Sachsen, nämlich plus 274 Prozent je Einwohner. Ssg-sachsen

Sachsen, einst Musterland der soliden Kommunalfinanzen im Osten, ist in einem strukturellen Abwärtstrend. Das ist nicht Hütters politische Diagnose, das ist die Feststellung der Bertelsmann Stiftung.

Bürokratie als Kostenfaktor

Was den Bürgermeistern besonders sauer aufstößt, sind neue regulatorische Pflichten, die mit der finanziellen Realität ihrer Gemeinden nichts zu tun haben. Hütter berichtet von Anforderungen zur Erfassung versiegelter Flächen und zur kommunalen Wärmeplanung, beides Vorgaben, für die es in kleinen Gemeinden weder Personal noch Geld gibt. Das ist kein AfD-Narrativ, das ist buchstäbliches Feedback von Bürgermeistern, die ihre Haushaltspläne nicht ausgleichen können und trotzdem Klimaplanungen erstellen sollen.

Der SSG-Geschäftsführer Mischa Woitscheck hat die Lage im Sommer 2025 als Desaster bezeichnet, das auf jahrelange Sorglosigkeit und Vernachlässigung durch Bund und Land zurückzuführen sei. Die Kommunen kämpfen gegen die Krise, indem sie Investitionen streichen und weitere Kassenkredite aufnehmen. Ssg-sachsen

Das Land Sachsen hat für den Doppelhaushalt 2025/2026 immerhin kommunale Zuweisungen von 8,4 Milliarden Euro für 2025 vorgesehen, darunter ein Hilfspaket von rund 600 Millionen Euro. Das klingt nach viel. Angesichts eines Gesamtdefizits, das die Milliardenschwelle bereits überschritten hat, ist es eine Teilentlastung, keine Lösung. Medienservice Sachsen

Wessen Versagen ist es?

Hütter macht in seinen Statements vor allem die CDU verantwortlich. Das ist erwartbar und zu einem Teil berechtigt: Die CDU hat in Sachsen über Jahrzehnte regiert und die Finanzzuweisungen an die Kommunen maßgeblich mitgestaltet. Wenn Gemeinden heute systematisch unterfinanziert sind, dann ist das eine politische Entscheidung, keine Naturgewalt.

Aber die Problemlage ist mehrstöckig. Die Haupttreiber der kommunalen Defizite bundesweit sind die explodierenden Sozialausgaben, etwa ein Anstieg der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen um 11,2 Prozent im Jahr 2025 und der Kosten für Kinder- und Jugendhilfe um 8,8 Prozent. Beides sind bundesgesetzlich geregelte Leistungen, die Kommunen erbringen müssen, ohne finanziellen Ausgleich vom Bund. Das ist kein sächsisches, das ist ein deutsches Strukturversagen, bei dem die Verantwortlichkeit zwischen Bund und Ländern seit Jahren hin- und hergespielt wird. Staatsverschuldung

Die politische Verkürzung in Hütters Abschlussstatement, Stichwort CDU-Desaster und Einwanderungspolitik, wirft dabei eine legitime Frage auf, die aber einer eigenen Analyse bedarf: Inwieweit belasten die Kosten der Flüchtlingsunterbringung und Integration konkret die kleinen Gemeinden im Landkreis Meißen und in der Lommatzscher Pflege? Die Antwort wäre eine Zahl. Eine solche Zahl liegt dieser Berichterstattung nicht vor.

Was bleibt, ist der Befund. Ein Privatkredit eines Bürgermeisters, um Gehälter zu zahlen. Geschlossene Kitas. Kommunales Eigentum auf dem Markt. Und eine politische Debatte, in der jeder auf den anderen zeigt, während die Gemeinden die Zeche zahlen.

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