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WirtschaftAnalyse

97 Prozent für die Industrie - was die Bevölkerung Sachsen-Anhalts wirklich denkt

IHK-Studie widerspricht dem medialen Bild

Von Matthias Klose2 Aufrufe
Industrieanlage im südlichen Sachsen-Anhalt - Industrieakzeptanz in der Region deutlich höher als im Bundesschnitt
Industrieanlage im südlichen Sachsen-Anhalt - Industrieakzeptanz in der Region deutlich höher als im Bundesschnitt – Foto: IHK Halle Dessau

97 Prozent der Bevölkerung im südlichen Sachsen-Anhalt halten Industrie für wichtig. Diese Zahl stammt nicht aus einer Lobbybroschüre, sondern aus einer repräsentativen Umfrage der IHK Halle-Dessau unter 1.600 Bürgerinnen und Bürgern. 89 Prozent wollen bestehende Unternehmen stärken und neue ansiedeln. Die Studie stammt aus dem Herbst 2016 und wurde bislang nicht durch eine vergleichbare Erhebung aktualisiert. Ob die Werte heute noch genauso hoch lägen, ist offen. Was diese Zahlen über die damalige Grundhaltung aussagen, ist dennoch bemerkenswert.

Die Studie wird in der öffentlichen Debatte selten zitiert. Das ist ein Versäumnis, das man nicht der Wissenschaft anlasten kann.

Industrieakzeptanz in Sachsen-Anhalt als unterschätzter Standortfaktor

Der Befund verdient Aufmerksamkeit, gerade weil er dem medialen Standardbild widerspricht. Industrieprojekte werden in der öffentlichen Berichterstattung regelmäßig durch das Prisma von Risiken, Protesten und Umweltbedenken betrachtet. Lärm, Emissionen und Landschaftsverbrauch sind reale Kritikpunkte, die die Befragten selbst benennen. Aber sie sind für die Mehrheit offenkundig kein Ablehnungsgrund. Bürgerinitiativen gegen Gewerbeansiedlungen finden leichter einen Mikrofonsplatz als die schweigende Mehrheit, die Fabrikhallen in ihrer Nachbarschaft als Normalzustand und Lebensgrundlage begreift. Die IHK-Zahlen zeigen, dass diese Mehrheit im südlichen Sachsen-Anhalt außergewöhnlich groß war. Drei von vier Befragten standen Industrieunternehmen in ihrer direkten Umgebung positiv gegenüber. Zum Vergleich: In der Region Köln, gemessen am Umsatz die viertgrößte Industrieregion Deutschlands, lag dieser Wert laut einer IHK-Köln-Erhebung aus dem Jahr 2015 bei 56 Prozent.

Diese Differenz ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer spezifischen Wirtschaftsbiografie, die die Menschen hier prägt. Wer erlebt hat, wie nach 1991 fast drei Viertel der Industriearbeitsplätze in wenigen Jahren weggefallen sind, wer den mühsamen Neuaufbau begleitet hat, wer heute einen gut bezahlten Chemikanten-Job in Leuna oder einen Ausbildungsplatz bei IDT Biologika in Dessau-Roßlau als selbstverständlich erlebt hat, weil er weiß, wie es ohne ausgesehen hat, der hat ein anderes Verhältnis zur Industrie als jemand, der sie noch nie vermisst hat.

Das Erbe des Strukturbruchs sitzt tiefer als oft angenommen

Zwischen 1991 und 1997 fiel die Beschäftigtenzahl im verarbeitenden Gewerbe des IHK-Bezirks Halle-Dessau von 211.000 auf 63.000. Das sind 148.000 Arbeitsplätze, die innerhalb weniger Jahre verschwunden sind. Die Folgen waren nicht nur ökonomisch, sie waren biografisch. Ganze Jahrgänge mussten ihre Berufsidentität neu erfinden oder verloren sie ganz. Die Industrie des mitteldeutschen Chemiedreiecks hatte in der DDR 40 Prozent der gesamten chemischen Industrieproduktion des Landes gestellt. Was dann kam, war kein sanfter Übergang. Es war ein nahezu vollständiger Zusammenbruch, gefolgt von einem sehr langsamen, kapitalintensiven Wiederaufbau, der erst ab Mitte der 1990er Jahre Fahrt aufnahm.

Die hohe Akzeptanz, die die Umfrage 2016 maß, ist die andere Seite dieser Geschichte. Sie ist nicht blinde Industrienostalgie. Sie ist ein nüchternes Urteil von Menschen, die gelernt haben, was fehlt, wenn Industrie fehlt. Dass 80 Prozent der Befragten, die Industriebetrieben in ihrer Umgebung positiv gegenüberstanden, dies vor allem mit dem Schaffen von Arbeitsplätzen begründeten, ist deshalb keine banale Antwort. Es ist eine sehr konkrete.

Was die Zahlen für die Wirtschaftspolitik bedeuten

Die IHK zog aus der Umfrage eine klare Konsequenz: Diesen Standortvorteil offensiv vermarkten. Eine Bevölkerung, die Industrie will, ist ein Argument bei Ansiedlungsgesprächen, bei der Vergabe von Gewerbeflächen, bei der Planung von Infrastruktur. Andere Regionen investieren erheblichen Aufwand darin, überhaupt eine grundsätzliche gesellschaftliche Zustimmung zur industriellen Produktion zu organisieren. Im Süden Sachsen-Anhalts war diese Zustimmung 2016 bereits vorhanden.

Das klingt nach einer günstigen Ausgangslage. Sie war es. Und dennoch zeigt die wirtschaftliche Entwicklung der jüngeren Vergangenheit, dass gute Stimmung kein Ersatz für verlässliche Rahmenbedingungen ist. Laut IHK-Konjunkturbericht 2024 wird das konjunkturelle Klima von den Unternehmen in Sachsen-Anhalt mehrheitlich negativ eingeschätzt, Energie- und Rohstoffpreise sind nicht auf Vorkrisenniveau zurückgegangen. Nach Angaben des Statistischen Landesamts Sachsen-Anhalt verzeichnete das verarbeitende Gewerbe 2024 einen Rückgang der Wertschöpfung von 3,6 Prozent, mit Umsatzrückgängen im Maschinenbau, der chemischen Industrie und der Nahrungsmittelproduktion. Die Industrieinvestitionen im Land gingen im selben Jahr um knapp zehn Prozent zurück, in der Metallerzeugung und -verarbeitung sogar um über 28 Prozent.

Eine Bevölkerung, die Industrie will, kann diese Lage allein nicht umkehren. Was sie kann: den politischen Handlungsspielraum offenhalten. Politische Entscheidungen, die Industrieansiedlungen bremsen oder Energiekosten treiben, können sich nicht auf fehlende gesellschaftliche Akzeptanz berufen. Diese Ausrede zieht im südlichen Sachsen-Anhalt schlicht nicht.

Was die Kammer mit diesem Kapital macht, ist eine andere Frage. Die IHK Halle-Dessau verfügt über das wohl stärkste Argument, das eine Wirtschaftsorganisation in einer Ansiedlungsdebatte vorbringen kann: eine Bevölkerung, die Industrie ausdrücklich will. Dass dieselbe Kammer dieses Kapital nicht konsequent einsetzt, um politischen Druck zu erzeugen, sondern stattdessen kurz vor einer Landtagswahl öffentlich Parteipolitik mit Pflichtbeiträgen betreibt, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Wer 52.000 Pflichtmitglieder vertritt, sollte deren Kernanliegen zum Maßstab seines Handelns machen. Die Umfrage von 2016 zeigt, welche Richtung das wäre.

Transparenz als Bedingung für dauerhaften Rückhalt

Interessant ist auch, was die Befragten von der Industrie erwarteten, damit dieser Rückhalt stabil bleibt. Frühzeitige und offene Kommunikation bei Unfällen forderten 94 Prozent. Transparenz bei Umweltstandards ebenfalls. Die Bevölkerung des südlichen Sachsen-Anhalts wollte die Industrie nicht aus ihrer Nachbarschaft haben, aber sie wollte auch nicht im Dunkeln gelassen werden. Das ist kein unrealistischer Anspruch, und er ist vereinbar mit unternehmerischen Interessen.

Dass in den freien Antworten der Umfrage die am häufigsten genannten negativen Begriffe zur regionalen Industrie nicht Ablehnung, sondern Mangel beschreiben, "zu wenig" und "könnte mehr sein", sagt vielleicht mehr als alle Prozentzahlen zusammen. Die Nachbarn des Chemiestandorts Leuna, der BUNA-Nachfolger in Schkopau oder der Ernährungswirtschaft rund um Weißenfels wollten mehr davon, nicht weniger. Das ist ein Befund, den man in Berlin, in Brüssel und in den Parteizentralen derer zur Kenntnis nehmen sollte, die glauben, Industriepolitik gegen die Bevölkerung machen zu müssen.Quelle:https://www.ihk.de/halle/share/flipping-book/3739486/flippingbook.pdf

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