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Elbland-Kurier
GesellschaftKommentar / Meinung

Wieder dunkel in Nikolassee – und das Wort „Anschlag" fehlt noch immer

Dachzeile: Berlin / Kritische Infrastruktur

Von Matthias Klose0 Aufrufe
Stromausfall Berlin Nikolassee Nacht – Wohngebiet im Dunkeln, nur vereinzelte Notbeleuchtung sichtbar
Berliner Südwesten im Blackout: Während die Innenstadt leuchtet, liegen Nikolassee, Zehlendorf und Wannsee im Dunkeln. So wie im Januar 2026 – nach dem Brandanschlag der Vulkangruppe auf eine Kabelbrücke in Lichterfelde. – Foto: ymbolbild: KI-generiert (DALL-E / Midjourney) | Elbland-Kurier

Am Samstagabend war es wieder so weit. In Berlin-Nikolassee fiel gegen 22 Uhr der Strom aus, 1.314 Haushalte saßen im Dunkeln. Gegen 23:35 Uhr war die Versorgung wiederhergestellt, der Netzbetreiber Stromnetz Berlin verwies auf einen vermutlichen Defekt in einem Mittelspannungskabel, Alterserscheinung oder alte Bauschäden, nichts Dramatisches. Die Polizei war zur Sicherheit mit verstärkten Streifen unterwegs.

Soweit, so unspektakulär. Solche Ausfälle passieren laut Stromnetz Berlin jährlich annähernd 2.000 Mal in der Stadt. Statistisch acht Minuten, dann läuft es wieder. Kein Grund zur Aufregung.

Und doch ist dieser Vorfall aufschlussreich. Nicht wegen des Kabelfehlers, sondern wegen des Satzes, mit dem die Deutsche Presse-Agentur den Kontext herstellt.

Das Wörtchen „mutmaßlich" und seine politische Funktion

Die dpa schreibt, auch noch in der aktualisierten Fassung vom heutigen Sonntag, der Stromausfall vom Januar sei auf einen „mutmaßlich von Linksextremisten begangenen Brandanschlag" zurückgegangen. Drei Monate danach. Das ist sprachlich bemerkenswert und inhaltlich falsch gewichtet.

Was damals geschah, ist dokumentiert. Am 3. Januar 2026 wurde an einer Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde Feuer gelegt. Eine Gruppe, die sich „Vulkangruppe" nennt, veröffentlichte noch am selben Tag ein Bekennerschreiben auf einer einschlägigen linksextremen Internetplattform. Das Schreiben enthielt Täterwissen: genaue Angaben zur Konstruktion der Brücke, zur Anzahl der Kabelrohre, zur verwendeten Methode. Der Staatsschutz des Landeskriminalamts Berlin prüfte das Schreiben und stufte es als glaubhaft ein. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sprach öffentlich von „offenkundig Linksextremisten". Die Berliner Innensenatorin Iris Spranger erklärte, sie gehe von einem linksterroristischen Anschlag aus. Der Generalbundesanwalt übernahm die Ermittlungen wegen Terrorverdachts.

Das Wort „mutmaßlich" ist in der Berichterstattung dann angebracht, wenn ein Sachverhalt tatsächlich ungeklärt ist. Wenn Täter unbekannt sind. Wenn die Zuordnung strittig ist. Nichts davon trifft hier zu. Es gibt ein Bekennerschreiben, das die Ermittlungsbehörden für echt halten. Es gibt politisch Verantwortliche, die den linksextremen Hintergrund öffentlich benannt haben. Es gibt eine Bundesanwaltschaft, die wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ermittelt.

Vorsicht als Prinzip oder als Schutzreflex?

Journalistische Vorsicht ist eine Tugend. Niemand sollte verurteilen, bevor ein Gericht gesprochen hat. Aber diese berechtigte Zurückhaltung gilt der Schuldfrage, nicht der Einordnung des politischen Charakters einer Tat. Ob jemand strafrechtlich verurteilt wird, steht offen. Dass der Anschlag von einer Gruppe mit linksextremistischer Ideologie begangen wurde, ist nach dem aktuellen Ermittlungsstand keine Spekulation mehr.

Der reflexartige Einsatz von „mutmaßlich" in diesem Kontext hat eine Funktion, die über juristische Vorsicht hinausgeht. Er hält die Zuordnung in der Schwebe. Er signalisiert: Sicher weiß man das ja nicht. Vielleicht war es auch ganz anders. Bei Terrorakten mit islamistischem oder rechtsextremem Hintergrund ist diese sprachliche Zurückhaltung in der medialen Praxis deutlich seltener zu beobachten, sobald ein Bekennerschreiben vorliegt.

Das ist keine neutrale Sprache. Das ist eine politisch wirkende Sprache, die vorgibt, neutral zu sein.

Was der heutige Ausfall tatsächlich zeigt

Der Stromausfall vom Samstag in Nikolassee hat nach aktuellem Stand nichts mit dem Anschlag vom Januar zu tun. Der Netzbetreiber geht von einem technischen Defekt aus, die Polizei sah keine Anzeichen für eine Straftat. Das ist die Nachricht.

Dass die Polizei dennoch verstärkte Streifen schickte, ist verständlich. Der Januar hat gezeigt, wie verwundbar selbst eine Millionenstadt ist, wenn wenige Menschen an der richtigen Stelle Feuer legen. 100.000 Menschen ohne Strom, ohne Heizung, mitten im Winter, über mehrere Tage. Der längste Stromausfall in Berlin seit Kriegsende, verursacht nicht durch einen Sturm, nicht durch technisches Versagen, sondern durch politisch motivierte Brandstiftung.

Darüber kann man nicht oft genug schreiben. Und man sollte dabei nicht in Sprache verfallen, die den Kern der Sache vernebelt.

Wer den Januaranschlag als linksextremen Terrorakt einordnet, und dafür gibt es sehr gute Gründe, der sollte das auch so schreiben. Nicht weil es polemisch klingt, sondern weil es präzise ist. Quelle:DPA: https://www.dpa-shop.com/shop/stromausfall/

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